Georg August Wallin: Als ʿAbd al-Wali quer durch Arabien

Von Fouad El Ajouaoui · · Yallah Speak Logbuch

Kurz gesagt Georg August Wallin (1811–1852) war ein finnischer Arabist, der 1845 und 1848 unter dem Namen ʿAbd al-Wali durch Nordarabien reiste. Er gilt als erster Europäer, der Ha'il erreichte, den Sitz der Rashidi-Emire im Najd, und als einer der ersten Forscher, die Sprache und Dichtung der Beduinen aufschrieben. Er starb mit 40 Jahren in Helsinki; seine Tagebücher und Briefe erschienen vollständig erst zwischen 2010 und 2017.

Manche Geschichten findet man in einem Buch. Diese fand uns über ein Gespräch, ein gedrucktes Programmheft und einen Namen, den wir vorher nie gehört hatten: Georg August Wallin. Je mehr wir über ihn lasen, desto deutlicher wurde, dass seine Geschichte genau von dem handelt, was uns bei Yallah Speak umtreibt. Ein junger Mann lernt Arabisch aus Büchern, merkt, dass die Menschen ein ganz anderes Arabisch sprechen, und verbringt den Rest seines kurzen Lebens damit, dieser lebendigen Sprache durch die Wüste nachzugehen.

Hier ist seine Geschichte, so sorgfältig erzählt, wie wir es können. Wo die Quellen sich widersprechen, sagen wir es dir.

Ein Junge von den Åland-Inseln

Georg August Wallin kam am 24. Oktober 1811 in Sund zur Welt, auf den Åland-Inseln zwischen Finnland und Schweden. Finnland war damals ein Großfürstentum im Russischen Reich, und Wallin wuchs mit Schwedisch auf, der Sprache der gebildeten Schicht.

1829 schrieb er sich an der Universität in Helsinki ein, die damals Kaiserliche Alexander-Universität hieß, und wandte sich den orientalischen Sprachen zu: Arabisch, Persisch, Türkisch. Arabisch hieß an einer europäischen Universität der 1830er-Jahre klassisches Arabisch, die Sprache des Korans, der mittelalterlichen Dichtung und der Grammatikbücher. In Helsinki sprach es niemand.

Was Wallin von seinen Kollegen unterschied, war eine Frage, die er sich früh stellte. Seine Dissertation von 1839 trägt den lateinischen Titel De praecipua inter hodiernam Arabum linguam et antiquam differentia, „über den hauptsächlichen Unterschied zwischen der heutigen Sprache der Araber und der alten“. Lange bevor er ein arabisches Land betrat, hatte er die Lücke erkannt, an der Lernende bis heute hängen bleiben: Das Arabisch der Bücher ist nicht das Arabisch der Straße. Was genau dahintersteckt, erklären wir in unserem Beitrag Was ist Hocharabisch?

Ein Lehrer aus Kairo in St. Petersburg

Der Mensch, der Wallins Arabisch veränderte, war ein Ägypter. In St. Petersburg lernte er bei Scheich Muhammad ʿAyyad al-Tantawi, einem an der al-Azhar ausgebildeten Gelehrten aus Ägypten, der in der russischen Hauptstadt Arabisch unterrichtete. Wann genau dieser Unterricht stattfand, geben die Quellen unterschiedlich an, irgendwo zwischen 1839 und 1842. Einig sind sie sich darin, was er bedeutete: Zum ersten Mal lernte Wallin Arabisch von jemandem, für den es eine lebendige, gesprochene Sprache war.

1841 bewilligte ihm die Universität ein Reisestipendium. Es war bescheiden, und es sollte nie reichen. 1843 brach er von St. Petersburg auf, und Ende desselben Jahres kam er in Kairo an.

Kairo: das Arabisch der Straße

Offiziell sollte Wallin in Kairo die gesprochenen Dialekte studieren. In der Praxis tat er, was alle erfolgreichen Arabischlernenden bis heute tun: unter Menschen leben, die reden, zuhören und mitreden. Ägyptisches Arabisch, das er jeden Tag um sich hörte, wurde sein erstes gesprochenes Arabisch. Wenn du in diese Fußstapfen treten willst, ist unser Leitfaden Ägyptisch-Arabisch lernen ein guter Ausgangspunkt.

In Kairo nahm er auch einen neuen Namen an: ʿAbd al-Wali (عبد الولي), „Diener des Beschützers“. Er trat als Muslim auf; welche Rolle er unterwegs genau spielte, darüber gehen die Quellen auseinander. Ob er formell konvertierte, ist unter Historikern bis heute umstritten, und wir wissen es nicht. Sicher ist nur: Sein Arabisch, sein Auftreten und seine Kenntnis des Islams reichten, um monatelang unter Menschen zu reisen, die nie ahnten, dass ein Europäer vor ihnen stand.

Wallin lernte Arabisch so, wie es wirklich funktioniert: indem er es jeden Tag mit Menschen sprach. Eine Karawane brauchst du dafür nicht. Übe ägyptisches, levantinisches oder Golf-Arabisch in echten Gesprächen mit einem KI-Partner und bekomm nach jedem Satz Feedback zu deiner Aussprache. Kostenlos in der App ausprobieren.

1845: durch die Wüste nach Ha'il

Im April 1845 verließ Wallin Kairo zu der Reise, die ihn bekannt machen sollte. Er zog nach Suez und von dort ostwärts durch die Wüsten Nordarabiens, über Maʿan und die Oase al-Jawf, hinein in den Najd und das Bergland des Jabal Shammar.

Sein Ziel war Ha'il, der Sitz des Emirs ʿAbdallah ibn Rashid, der die Rashidi-Dynastie erst wenige Jahre zuvor begründet hatte. Von keinem Europäer vor ihm ist bekannt, dass er Ha'il erreichte. Der Schweizer Johann Ludwig Burckhardt hatte drei Jahrzehnte früher im Hedschas gelebt und über das Landesinnere nur Berichte gesammelt. William Gifford Palgrave und Charles Doughty, die später berühmte Bücher über Zentralarabien schrieben, kamen erst in den 1860er- und 1870er-Jahren.

Von Ha'il aus schloss sich Wallin einer Pilgerkarawane in Richtung der heiligen Städte an. Er erreichte Medina und dann Mekka, eine für Nichtmuslime verschlossene Stadt, zur Pilgerzeit des Jahres 1845, und reiste weiter nach Dschidda und zurück nach Kairo. Mut allein reichte dafür nicht. Er musste jeden Tag so sprechen, dass Menschen ihm vertrauten.

1846 bis 1849: Sinai, noch einmal Ha'il, Persien

1846 durchquerte er den Sinai, besuchte das Katharinenkloster und zog weiter nach Palästina und Syrien, mitten hinein in die Region, deren Dialekt wir in Syrisch-Arabisch lernen vorstellen. Ende 1847 brach er zu seiner zweiten großen Arabienreise auf, von der Küste bei al-Muwaylih über Tabuk und Tayma, und 1848 stand er zum zweiten Mal in Ha'il.

Eigentlich wollte er weiter nach Osten, quer durch den Najd bis an den Persischen Golf. Dazu kam es nie. Sein eigener Bericht nennt Unruhen im Gebiet der saudischen Herrscher als Grund; andere Darstellungen meinen, seine Tarnung sei zu riskant geworden. Stattdessen wandte er sich nach Norden, nach Najaf und Bagdad, reiste weiter nach Persien und kehrte 1849 über Bagdad und Damaskus nach Kairo zurück.

An der Golfküste, die er nie erreichte, liegen heute Städte, deren Dialekte viele Wurzeln mit der Beduinensprache teilen, die Wallin im Najd hörte.

Den Beduinen zuhören: Wallin als Dialektforscher

Für alle, die Arabisch lernen, ist das der wichtigste Teil der Geschichte. Wallin reiste nicht nur, um Brunnen und Routen zu verzeichnen. Er hörte zu und schrieb auf, was er hörte.

In der Wüste sammelte er Beduinengedichte, jene mündliche Dichtung, die Stämme vortrugen und ohne Schrift weitergaben. Und hier bekommt die Geschichte eine deutsche Note: Seine Proben erschienen 1851 und 1852 auf Deutsch, in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG), unter dem schönen Titel „Probe aus einer Anthologie neuarabischer Gesänge, in der Wüste gesammelt“. Nach seinem Tod veröffentlichte dieselbe Zeitschrift seine lange Studie über die Laute des Arabischen und seine Bemerkungen über die Sprache der Beduinen.

Heutige Dialektologen lesen ihn noch. Der finnische Forscher Heikki Palva nennt ihn einen vernachlässigten Pionier. Nach Palva war Wallin wahrscheinlich der Erste, der bestimmte grammatische Eigenheiten der Beduinendialekte beobachtete, etwa dass manche Verben, die im klassischen Arabisch transitiv sind, in der Beduinensprache intransitiv gebraucht werden. Das sind kleine Details. Aber sie zeigen einen Mann, der gesprochenes Arabisch ernst nahm, zu einer Zeit, als die meisten europäischen Gelehrten es als Verfall der „eigentlichen“ Sprache betrachteten.

Genau diese Haltung steckt im Kern unseres Ansatzes. Gesprochene Dialekte sind kein verdorbenes klassisches Arabisch, sondern die Sprache, in der Millionen Menschen leben, scherzen und lieben. Wenn du noch überlegst, wo du anfangen sollst, hilft dir unser Leitfaden Arabisch lernen bei der Wahl.

Zurück im Norden: eine kurze Professur

1849 und 1850 kehrte Wallin nach Europa zurück. Über seine Reisen berichtete er im Journal der Royal Geographical Society in London, das seinen Bericht über die Reise von 1848 im Jahr 1850 druckte und den über die Reise von 1845 erst 1854. Die Gesellschaft ehrte ihn für seine Erkundungen; Form und Jahr der Auszeichnung werden in den Quellen unterschiedlich angegeben.

In Helsinki wurde er 1851 Professor für orientalische Literatur. Lange hatte er den Lehrstuhl nicht inne. Am 23. Oktober 1852, einen Tag vor seinem 41. Geburtstag, starb Georg August Wallin unerwartet in Helsinki. Er liegt auf dem Friedhof Hietaniemi, und sein Grabstein trägt seinen arabischen Namen, ʿAbd al-Wali, in arabischer Schrift.

Warum Georg August Wallin heute noch zählt

Lange kannten ihn fast nur Fachleute. Das hat sich geändert. Zwischen 2010 und 2017 gab die Gesellschaft der schwedischen Literatur in Finnland (SLS) Georg August Wallins skrifter heraus, eine vollständige, kommentierte Ausgabe seiner Tagebücher, Briefe und Reisenotizen in sieben Bänden und einem Anhang, betreut von Kaj Öhrnberg und Patricia Berg. Seine englischen Berichte liegen gesammelt als Travels in Arabia (1845 and 1848) vor.

2011, zu seinem 200. Geburtstag, widmete ihm die Nationalbibliothek Finnlands eine Ausstellung, und die Åland-Inseln gaben ihm zu Ehren eine Briefmarke heraus. In Saudi-Arabien liest man ihn als einen der frühesten Augenzeugen von außen, die Ha'il und das Emirat der Rashidi beschrieben. Und in Doha bewahrt die Qatar National Library eine digitalisierte Fassung seiner Briefe und Tagebuchnotizen auf. Die Geschichte des Finnen, der Arabien durchquerte, ist damit in einer Bibliothek am Golf angekommen, den er selbst nie erreichte.

Für uns ist seine Geschichte eine Erinnerung, die in 180 Jahren nicht gealtert ist. Bücher können dir viel über Arabisch beibringen. Sprechen lernst du nur mit Menschen. Wallin hat das 1839 verstanden, ist nach Kairo gegangen, um diese Menschen zu finden, und hat bis zum Schluss zugehört. Wenn du heute gleich mit dem ersten Satz anfangen willst, findest du in arabischen Sätzen für den Alltag genug Material für dein erstes Gespräch.

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Häufige Fragen

Wer war Georg August Wallin?

Georg August Wallin (1811–1852) war ein finnischer Orientalist und Forschungsreisender. In den 1840er-Jahren reiste er unter dem Namen ʿAbd al-Wali durch Ägypten, den Sinai und Nordarabien. Später wurde er Professor für orientalische Literatur in Helsinki.

War Georg August Wallin der erste Europäer in Ha'il?

Er gilt weithin als erster Europäer, der Ha'il erreichte, zuerst 1845 und noch einmal 1848. Spätere Reisende wie Palgrave und Doughty kamen erst in den 1860er- und 1870er-Jahren.

Welchen arabischen Namen trug Wallin?

Er reiste als ʿAbd al-Wali (عبد الولي) und trat als Muslim auf. Ob er formell konvertierte, ist umstritten. Sein arabischer Name steht auch auf seinem Grabstein in Helsinki.

Hat Wallin arabische Dialekte erforscht?

Ja. Seine Dissertation von 1839 behandelte den Unterschied zwischen modernem und klassischem Arabisch, in Kairo lernte er gesprochenes Arabisch, und in der Wüste sammelte er Beduinendichtung, die er auf Deutsch in der ZDMG veröffentlichte. Forscher sehen in ihm einen frühen Pionier der Beduinendialektologie.

Wo kann man Wallins eigene Texte lesen?

Seine englischen Berichte erschienen im Journal der Royal Geographical Society und wurden als Travels in Arabia (1845 and 1848) gesammelt. Seine Tagebücher und Briefe gab die Gesellschaft der schwedischen Literatur in Finnland als Georg August Wallins skrifter (2010–2017) vollständig heraus.

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